1.Was passiert während der Einlaufphase?
Wenn du ein neues Aquarium mit Wasser füllst, ist es biologisch gesehen eine leere Hülle. Es fehlen die Mikroorganismen, die später für ein stabiles Gleichgewicht sorgen. In einem bewohnten Aquarium entsteht durch Fischkot, Futterreste und abgestorbene Pflanzenteile ständig Ammonium (NH₄⁺) – ein Stoffwechselprodukt, das in höheren Konzentrationen für Fische tödlich ist.
Die Natur hat dafür eine elegante Lösung: den sogenannten Stickstoffkreislauf. Nitrosomonas-Bakterien wandeln Ammonium in Nitrit (NO₂⁻) um, und Nitrobacter-Bakterien bauen dieses Nitrit weiter zu Nitrat (NO₃⁻) ab. Nitrat ist in moderaten Mengen für Fische unbedenklich und wird durch regelmäßige Wasserwechsel aus dem Becken entfernt. Das Problem: Diese Bakterien müssen sich erst ansiedeln – und das braucht Zeit.
Das Wasser wirkt klar und sauber. Ammonium steigt langsam an. Nitrosomonas-Bakterien beginnen sich anzusiedeln.
Der Nitritwert steigt stark an (Nitritpeak). Hochgiftig für Fische! Nitrobacter-Bakterien siedeln sich erst jetzt an.
Nitrit fällt auf 0 mg/l. Das biologische System ist stabil. Jetzt können die ersten Fische eingesetzt werden.

Filtermedien wie Keramikringe und Biobälle bieten den Bakterien ideale Siedlungsflächen
2.Der Nitritpeak – der kritischste Moment
Der Nitritpeak ist der gefährlichste Moment in der Einlaufphase. Nitrit (NO₂⁻) blockiert den Sauerstofftransport im Blut der Fische – ähnlich wie Kohlenmonoxid beim Menschen. Schon geringe Mengen von 0,1 mg/l können empfindliche Fischarten stressen, ab 0,5 mg/l wird es für die meisten Arten kritisch, und Werte über 1 mg/l sind für viele Fische tödlich.
Wichtiger Hinweis
Während des Nitritpeaks dürfen unter keinen Umständen Fische im Becken sein. Auch wenn das Wasser klar aussieht, kann der Nitritwert tödlich hoch sein. Nur ein zuverlässiger Nitrit-Tropfentest (kein Schnelltest-Streifen!) gibt dir Sicherheit.

Regelmäßige Nitrit-Messungen mit einem Tropfentest sind während der Einlaufphase unverzichtbar
3.Schritt-für-Schritt-Anleitung
Aus unzähligen eingefahrenen Aquarien habe ich folgende bewährte Vorgehensweise entwickelt, die zuverlässig zum Erfolg führt:
Aquarium vollständig einrichten
Filter, Heizung, Beleuchtung, Bodengrund und Pflanzen kommen rein – nur die Fische bleiben draußen. Pflanzen helfen übrigens, Ammonium zu verwerten und beschleunigen die Einlaufphase leicht.
Technik dauerhaft laufen lassen
Der Filter läuft 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Bakterien im Filtermedium brauchen ständig Sauerstoff und Wasser. Schaltest du den Filter auch nur für wenige Stunden aus, sterben sie ab. Die Beleuchtung läuft 8 bis 10 Stunden täglich, die Heizung hält die Temperatur bei 24 bis 26 °C.
Ammoniumquelle schaffen
Ohne Ammonium können sich die Bakterien nicht vermehren. Gib täglich eine kleine Prise Fischfutter ins Becken, das beim Zersetzen Ammonium freisetzt. Alternativ gibt es spezielle Ammoniumlösungen aus dem Fachhandel.
Regelmäßig messen
Alle 2 bis 3 Tage den Nitritwert messen. Wenn der Wert ansteigt, ist der Nitritpeak im Gange. Wenn er wieder dauerhaft auf 0 mg/l fällt, ist die Einlaufphase abgeschlossen. Zusätzlich empfiehlt sich die Messung von Ammonium und pH-Wert.
Geduldig abwarten
Die Biologie lässt sich nicht beschleunigen erzwingen. Auch wenn es schwerfällt: Warte, bis der Nitritwert wirklich dauerhaft bei 0 liegt. Diese Geduld zahlt sich aus – ein stabil eingefahrenes Becken ist deutlich pflegeleichter als eines, das zu früh besetzt wurde.
4.Einlaufphase beschleunigen – was wirklich hilft
Es gibt einige bewährte Methoden, die die Einlaufphase auf 2 bis 3 Wochen verkürzen können. Wichtig: Verkürzen ja, überspringen nein. Die Biologie braucht ihre Zeit.
Starterbakterien aus dem Fachhandel
Hochwertige Produkte wie Dennerle Bacto Elixier, JBL Denitrol oder Seachem Stability enthalten lebende Bakterienkulturen. Sie können die Phase deutlich verkürzen – aber nur, wenn sie frisch und korrekt gelagert sind.
Filtermedien aus einem eingefahrenen Becken
Ein Schwamm oder Keramikringe aus einem bereits laufenden, gesunden Aquarium bringen Millionen von Bakterien mit. Das ist die effektivste und günstigste Methode überhaupt.
Höhere Temperatur
Bakterien vermehren sich bei 26 bis 28 °C schneller als bei 20 °C. Eine leicht erhöhte Temperatur während der Einlaufphase kann die Ansiedlung beschleunigen.
Viele Pflanzen von Anfang an
Schnellwachsende Pflanzen wie Hornkraut (Ceratophyllum demersum) oder Wasserfreund (Hygrophila) verwerten Ammonium direkt und entlasten das biologische System.
5.Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
Fehler: Zu früh Fische einsetzen
"Nach einer Woche sieht das Wasser doch gut aus!" – Ja, aber die Bakterien sind noch nicht da. Warte die vollen 3 bis 4 Wochen ab, auch wenn es schwerfällt. Fische, die in ein nicht eingefahrenes Becken gesetzt werden, leiden unter Nitritvergiftung und sterben oft innerhalb weniger Tage.
Fehler: Filter ausschalten oder reinigen
Bakterien im Filter brauchen ständig Sauerstoff und Wasser. Schaltest du den Filter aus oder reinigst ihn mit Leitungswasser (Chlor!), sterben die Bakterien ab und die Einlaufphase beginnt von vorn.
Fehler: Wasserwerte nicht messen
Ohne Messung weißt du nicht, wann die Einlaufphase wirklich vorbei ist. Ein guter Nitrit-Tropfentest ist kein Luxus – er ist die einzige zuverlässige Methode, um den richtigen Zeitpunkt für den ersten Besatz zu bestimmen.
Fehler: Zu viele Wasserwechsel
Manche Anfänger machen täglich große Wasserwechsel, weil das Wasser trüb wird. Das stört den Bakterienaufbau erheblich. Kleine Trübungen in den ersten Tagen sind normal und kein Grund zur Panik.

Erst wenn der Nitritwert dauerhaft bei 0 mg/l liegt, können die ersten Fische eingesetzt werden
6.Häufige Fragen zur Einlaufphase
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Autor dieses Ratgebers
Rainer StolteRainer Stolte ist leidenschaftlicher Aquarianer, Unternehmer und Autor mit über 30 Jahren Erfahrung. Die Einlaufphase ist eines der Themen, bei dem er in unzähligen Aquarien gelernt hat, wie entscheidend Geduld und das richtige Messen ist. Als Inhaber mehrerer Aquaristikunternehmen gibt er sein Wissen auf aquarium-wissen.de praxisnah weiter.
